„Es ist ein Mord geschehen“

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Seit vier Jahren sammelt Denis Karagodin Informationen über das Schicksal seines Urgroßvaters, der vom NKWD erschossen wurde während des großen Stalinistischen Terrors. Seinen Worten nach, müssen nur noch die Namen der Mörder ermittelt werden.

Vor einigen Jahren kam der 33 jährige Denis Karagodin in die russischen regionalen Abteilung des Inlandsgeheimdienstes der Russischen Föderation (FSB) der Stadt Tomsk und hat dem Diensthabendem gemeldet:

– Wissen Sie, es ist ein Mord geschehen.

Bescheinigung über die Rehabilitation von Stapan Ivanovich Karagodin, 1955.

Bescheinigung über die Rehabilitation von Stapan Ivanovich Karagodin, 1955.

Als Antwort bekam er zu hören: „In welchem Sinne?“ – von dem leicht verblüfften Gesprächspartner. Hier musste Karagodin nun alles erklären und er zeigte ihm die Kopie der Urkunde von dem Gremium des höchsten Gerichts, datiert auf das Jahr 1955, die die Rehabilitation seines Urgroßvaters bestätigt. Stepan Ivanovich Karagodin wurde 1938 erschossen währen des Großen Terrors nach dem er für ein Mitglied des japanisch-militärischen Aufklärungsdienst gehalten wurde. – Er sagte: „Ich verstehe. Schreiben Sie eine Anfrage“, – erzählt Denis Karagodin der russischen Redaktion des Radiosenders Azyttyq (Азаттык).

Der Versuch die Wahrheit wiederherzustellen.

Diese Episode ist auch der Anfang davon gewesen, dass diese Sache in den Sinn des Lebens des Hochschulabsolventen der philosophischen Fakultät der Staatlichen Universität Tomsk, Denis Karagodin, übergeht. Er versucht Antworten auf die Fragen zu bekommen, die mehrere Generationen seiner Familie gequält haben: Wie und warum wurde Stapan Ivanovich getötet, wer richtete ihn hin und wo befinden sich seine sterblichen Überreste.

Ich möchte die Namen der Menschen kennen, die an der Hinrichtung beteiligt waren und ich werde diese bekommen. Früher oder später wird das passieren, – sagt Karagodin.

Alles was von Karagodin schon getan wurde, fügt sich in die detaillierte Chronik des Schicksals des Landwirtschaftsbauern und den Vater von neun Kindern, Stepan Karagodin, zusammen mit den Dokumenten aus den Archiven der russischen Geheimdienste, welche Denis Karagodin auf seiner Webseite veröffentlicht hat.

Für Karagodin ist das Anliegen die genauen Umstände seines Urgroßvaters festzustellen sehr persönlich. Frau und die Familie von Stapan Karagodin wussten auch noch viele Jahre nach seiner Hinrichtung nicht ob er noch am Leben ist oder nicht.

– Die Suche und die Rekonstruktion des Schicksals hörte niemals auf, jede Generation unserer Familie hat ihr Möglichstes getan, – sagt Denis Karagodin.

Stepan Karagodin (in der Mitte) um ihn herum seine Familienangehörigen.

Stepan Karagodin (in der Mitte) um ihn herum seine Familienangehörigen.

Die Initiative des Tomsker Designers hat von vielen bekannten Russischen Bürgern Unterstützung erhalten – in erster Linie für die von ihm gestellte Frage über die Verantwortung für die stalinistischen Verbrechen in der Zeit des großen Terrors, der das Leben, in verschiedensten Weisen, zerstörte von mehr als einer Million Menschen. Zu dem passiert dies alles vor dem Hintergrund des immer weicher werdenden Tones der russischen öffentlichen Meinung über Stalin und seine grausamen Repressionen. Die Kritiker von Präsident Putin beschuldigen den Kreml diese Tendenz für seine politischen Ziele zu verwenden.

Die Familie Karagodin in Tomsk 1937.

Die Familie Karagodin in Tomsk 1937.

Der russische Historiker, Religionswissenschaftler und Politologe Andrei Subow bezeichnete dieses Projekt als eine „sehr wichtige und nützliche“ Initiative.

„Die Nachfahren der ermordeten müssen die Mörder kennen und die Nachfahren der Mörder müssen die Nachfahren der Ermordeten kennen und dass ihre Vorfahren Mörder waren. Die nationale Aussöhnung ist nur möglich wenn dies nicht in Vergessenheit gerät und durch die ausführliche Kenntnis der Vergangenheit“, - schrieb Subow auf seiner Facebook Seite.

„Eine Frage von Zeit“

Denis Karagodin rekonstruierte die tragischen Seiten des Lebens seines Urgroßvaters mit einer Hartnäckigkeit und so akribisch wie ein echter Ermittler, quäntchenweise sammelt er Beweise in der Hoffnung, dass seine Bemühungen zu einem echten Prozess führen. Es ist ihm gelungen genug Material zu sammeln um die die Kette der Verantwortlichen zu verfolgen die an dem Tod seines Urgroßvaters beteiligt waren, angefangen bei Stalin und bis zu den Organisatoren und Ausführenden in Tomsk.

– Jetzt sind alle Personen, die an der Ermordung beteiligt waren, ermittelt. Die Einzigen, die nicht ermittelt sind, sind die, die nicht direkt an der Hinrichtung beteiligt waren. Aber es gibt schon einen Kreis von Leuten, die in Frage kommen. Ich weiß, dass es eigentlich zum guten Ton gehört, wenn der Ermittler sich auch darum kümmert. Zu ermitteln – das ist eine Frage von Zeit, - sagt Denis Karagodin.

Historiker und Ermittler sagen, dass der Zugang zum Archiv des KGB eingeschränkt wird mehr und mehr seitdem Putin, selbst ein ehemaliger Offizier des KGB, an die Macht gekommen ist vor 16 Jahren. Im Dezember hat die Kommission der Regierung über das Staatsgeheimnis das Ersuchen von Aktivisten abgelehnt über den offenen Zugang zu Archiven der sowjetischen Spezialdienste, weil durch die „Verbreitung der Dokumente der Sicherheit der Russischen Föderation ein Schaden“ zugefügt werden könnte.

Denis Karagodin hat es geschafft einige Daten über seinen Urgroßvater zu sammeln in den Archiven, die nicht im Verhältnis zum FSB stehen. Die erforderlichen Informationen über die Ausführenden des Mordes konnte er jedoch nicht sammeln.

– Die Staatssicherheit tut alles, damit das nicht rekonstruiert werden kann, - sagt er.

Das FSB gibt ihm auch keine Informationen darüber, wo die sterblichen Überreste seines Urgroßvaters beigesetz wurden. Er vermutet, dass der Körper seines Urgroßvaters in den Graben beim Kashtak Berg geworfen wurden, wo, der Meinung von Experten nach, sich die sterblichen Überreste von etwa 15000 Opfern der stalinistischen Repressionen befinden.

Auf die Anfrage von Denis Karagodin in der regionalen Abteilung des FSB mit der Bitte um Herausgabe des Leichnams bekam er eine formale Antwort über den mangelhaften Zustand der Rausschriften und Dokumente – eine schwache Rechtfertigung, seiner Ansicht nach.

– Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass sie sicher wissen, wo die Hinrichtungen vollstreckt wurden. Die ganze Stadt weiß es, bestätigt er.

„Gab es dieses Jahrhundert überhaupt?“

Stepan Ivanovich Karagodin wurde 1881 im Dorf Drovosetshnoje im Orlowskij Gouvernement geboren. Zu Beginn des 20ten Jahrhunderts kam seine Familie in den Fernen Osten in das Dorf Wolkowo bei Blagoveshensk. Aufgrund von harter Arbeit konnte sich Stepan Karagodin einen starke Landwirtschaft aufbauen und zählte in Wolkowo als Großbauer. Er wurde zum Anführer und Vorsitzenden der Dorfgemeinde. Im August 1918 hatte er an der bäuerlichen Zusammenkunft, organisiert von dem Verband der Ackerbauern, teilgenommen. Die Zusammenkunft hatte sich auf die Seite der Übergangsregierung gegen die Bolsheviki nach dem Tod des Zaren Nokolaj II. gestellt. In der Folge wurde Stapan Karagodin verhaftet und verbrachte drei Monate in Haft.

1928 wurde er erneut verhaftet (unter anderem dafür, dass er als Vorsitzender des Gemeinschaftsrats die Bewohner seines Dorfes nicht Entkulakisiert hat), verurteilt nach Paragraph 58 – 14 StGB der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (kontrarevolutionäre Sabotage) zur Deportation nach Sibirien für drei Jahre.

Die Verbannung verbrachte er in der Napimskij Provinz. Danach zog er nach Tomsk, wo er in der Nacht zum 1 Dezember 1937 von den Mitarbeitern des Tomsker GO NKWD verhaftet wurde. Er wurde verurteilt durch einen Sonderrat als Organisator einer Gruppe der Spionage-Diversion „Harbinzi (харбинцев) und der Ausgesiedelten aus der Fern Ost Region (ДВК)“ und Gruppenführer einer japanisch militärischen Ausspähung. Das Urteil lautete Tod durch Erschießen. Im Nachhinein wurde er rehabilitiert.

Das Haus in Wolkowo (1902) und die selben Orte im Jahr 2013. GPS: 50.25617, 127.77387. „Ich bin zu diesem Ort gekommen... und habe genau das gesehen, was Stapan Ivanovich etwa mehr als 100 Jahre zuvor gesehen hatte, zwischen 1901 und 1902. Ich habe, wie auch er, eine leere Fläche gesehen.“

Das Haus in Wolkowo (1902) und die selben Orte im Jahr 2013. GPS: 50.25617, 127.77387. „Ich bin zu diesem Ort gekommen... und habe genau das gesehen, was Stapan Ivanovich etwa mehr als 100 Jahre zuvor gesehen hatte, zwischen 1901 und 1902. Ich habe, wie auch er, eine leere Fläche gesehen.“

Ein Jahr nach dem Beginn des Zusammentragens der Dokumente reiste Denis Karagodin in das Dorf Wolkowo in der Provinz Blagoveshensk mit einer Fotografie, die er wie durch ein Wunder erhalten hatte, von dem bäuerlichen Hof seines Urgroßvaters. Die Familie hatte nicht weniger als 200 h Fläche für die Landwirtschaft zur Verfügung gehabt. Er ermittelte die genauen GPS-Koordinaten des Hauses und kam zu diesem Ort. Von den Einheimischen erfuhr er, dass das Haus etwa zwischen 1960 und den 1970er Jahren abgerissen wurde.

Panoramasicht auf den bäuerlichen Hof von Stepan Ivanovich Karagodin in Wolkowo.

Panoramasicht auf den bäuerlichen Hof von Stepan Ivanovich Karagodin in Wolkowo.

Nach den Worten von Denis Karagodin, war dieser Moment für ihn, sich an dem Ort zu befinden, an dem etwa zu Beginn des 20ten Jahrhunderts sein Urgroßvater stand, „beinahe wie eine religiöse Erfahrung“.

– Ich kam zu diesem Ort ... und ich habe genau das gesehen, was Stapan Ivanovich etwas mehr als 100 Jahre zuvor gesehen hatte, zwischen 1901 und 1902. Ich habe wie auch er eine leere Fläche gesehen. Dabei waren wir etwa gleich alt. Und dann dachte ich: gab es dieses Jahrhundert überhaupt? Wo ist alles aus diesem Jahrhundert? Warum sehe ich genau das gleiche wie er damals? Mir erschien dies gleichzeitig wie eine Schleife in der Zeit und wie eine Verspottung... Und zur selben Zeit ein Trauerkranz der sowjetischen Verwaltung in Russland.


Original:

One Russian's Search For His Great-Grandfather's Soviet Police Killers – by Carl Schreck and Dmitry Volchek – Jun 23, 2016 – © Radio Free Europe/Radio Liberty, RFE/RL.*

Перевод на русский язык:

Алиса Вальсамаки – "Произошло убийство" – 24 июня 2016 – © Азаттык – Казахская редакция Радио «Свободная Европа» /Радио «Свобода».*

Übersetzung

Übersetzung – 23.07.2016 – © Katharina Katschalkin.

Lizenz
Das Material darf frei verwendet werden mit einem verpflichtenden Verweis auf die Quelle – © KARAGODIN.ORG [https://karagodin.org/?p=9336]


* Согласно действующему законодательству РФ, "Радио Свобода" – включена в список "Иностранных агентов".

Последнее обновление: Суббота, 1 мая, 2021 в 10:01

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